|
Risk Hazekamps Standortbestimmungen Sie steht vor der Landschaft, den Blick ins Unendliche gerichtet. Eine schlanke, sehr jungenhafte Frau mit kurzen Haaren in abgewetzter Jeansjacke. Einen Arm angewinkelt, als wolle sie gerade etwas aus der hinteren Hosentasche ziehen. Vielleicht eine Packung Zigaretten. Hinter ihr liegt ein rauhes, karges Bergpanorama, in beinahe kitschige Technicolor-Farben getaucht. Man kommt nicht umhin, beim Anblick dieses Bildes sofort an James Dean zu denken. Gab es da nicht ein Foto von ihm in genau dieser Körperhaltung, mit derselben Jeansjacke und demselben Gesichtsausdruck, irgendwo zwischen Coolness und Verträumtheit? Die Ähnlichkeit scheint frappierend und ist natürlich beabsichtigt - das beweist auch der Titel des Fotos, "Giant", eine Anspielung auf seinen Film "Giganten". Genauso beabsichtigt ist jedoch der Moment des Zweifelns. Die Fotografien der niederländischen Künstlerin Risk Hazekamp, geboren 1972, zeigen eine mehrdeutige Welt, in der sich die gängigen Kategorien von Mann und Frau, von Echtheit und Künstlichkeit, von Film und Realität auflösen. Beinahe alle zeigen die Künstlerin selbst, sind aber keine wirklichen Selbstporträts. Es scheinen eher Rollenspiele zu sein, in denen Hazekamp ihre eigene Identität sucht, gleichzeitig aber auch an den Denkmustern des Betrachters kratzt. Risk Hazekamp selber bezeichnet ihre Werke als "Standortbestimmungen". Wir sitzen in ihrem Atelier in Rotterdam. Es gehört zu einem großen, rümpeligen Künstler- und Atelierkomplex, liegt allerdings abseits vom Trubel in einem kleinen Hinterhaus. Ein hoher, leerer Raum mit weißen Wänden, an denen nur drei oder vier ihrer eigenen Fotografien hängen. Auf zwei Tischen liegen verschiedene Bücher herum - darunter ein spanischer Band über die "Welt der Stiere", ein "Atlas der Wälder" und ein Buch über den Dodo. Risk wirkt anders als auf ihren Fotos, weniger cool und etwas schüchtern. "In meinen Bildern kann ich mir meine eigene Welt schaffen, wo mir niemand einen Stempel aufdrückt", erklärt sie. Sie fotografiert prinzipiell mit Selbstauslöser, ist also bei den Aufnahmen alleine. "Das gibt mir Freiheit beim Arbeiten." Zwar bezeichnet sie ihre Bilder nicht als Selbstporträts, aber sie beschäftigt sich in ihnen doch mit sich selbst und hält sich selber deshalb auch für das geeignetste Modell. "Es wäre ziemlich kompliziert, jemand anderen zu dirigieren, bis er so steht, wie ich es gerne hätte." Außerdem mag sie das spontane Element, das das Arbeiten mit dem Selbstauslöser in ihre Werke einbringt - denn schließlich weiß sie im Vorhinein nie genau, wie sie auf dem Bild aussehen wird. Entstanden sind ihre letzten Serien alle in Spanien. Im Herbst 2000 verbrachte sie einige Monate als "Artist in Residence" im südspanischen Städtchen Mojácar und entdeckte dort ihre Liebe zu den leeren, rauhen Landschaften, in denen sie ganz sie selbst sein kann, losgelöst von gesellschaftlichen Konventionen. Gleichzeitig war sie schon als Kind von Westernfilmen fasziniert und fand sich nun in einer Gegend wieder, die in den siebziger Jahren aufgrund ihrer Ähnlichkeit mit dem Westen Amerikas als Kulisse für viele Spaghettiwestern gedient hat. "Es ist eine Landschaft, die dafür geschätzt wurde, dass sie einer anderen Landschaft ähnlich sieht". Und damit eignet sie sich perfekt für Hazekamps Spiel mit Täuschung und Wirklichkeit. Die Welt des Westerns steht eigentlich konträr der Welt gegenüber, die Risk in ihren Fotografien erschafft. Sie ist eindimensional, eindeutig und vorhersehbar. "Es ist eine Scheinwelt, in der es sehr deutliche Regeln gibt. Der Cowboy mit dem weißen Hut ist der Gute, der mit dem schwarzen Hut ist der Böse." Und genau daran will sie rütteln. Indem sie als Frau in die Rolle der ultramännlichen Helden schlüpft, untergräbt sie die einfach gestrickten Spielregeln, die simplen Rollenklischees des Genres. Dabei geht es ihr aber wiederum nicht darum, eine perfekte Illusion zu erzeugen. "Ich will sicher keine Drag King Performance geben, sondern den Betrachter zweifeln lassen." Darum zitiert sie auch keine konkreten Filmszenen, sondern stellt sie nur ungefähr aus dem Gedächtnis nach. Man hat immer den Eindruck, die Szene schon einmal irgendwo gesehen zu haben, kann sie aber nicht richtig einordnen. Mit Motiven aus Spielfilmen arbeitete Hazekamp auch schon vor ihren Spanien-Aufenthalten, allerdings im Studio. Damals projizierte sie Filmstills auf die Wand und stellte sich selbst mit ins Bild, so dass ihr Gesicht mit dem eines der Filmhelden verschwamm. Das Resultat war ein Verwirrspiel mit Schatten und doppelten Konturen, mit Verschmelzungen von männlichen und weiblichen Gesichtszügen. Oder sie posierte vor Landschaftsfotos, die sie selbst als 18-jährige im USA-Urlaub gemacht hatte. Mit der Zeit gelang es ihr, die inszenierten Fotos immer realistischer wirken zu lassen. Als der Punkt kam, an dem die Betrachter nicht mehr daran zweifelten, dass das Bild vor Ort entstanden war, wusste Risk, dass das Konzept ausgereizt war. Pure Täuschung interessiert sie nicht; es geht ihr vielmehr um Ambiguität und Irritation. "Die Menschen glauben zu schnell, was sie sehen. Ich will, dass sie genauer hinschauen." In Spanien kehrte sie das Prinzip deshalb um und machte Fotografien, die künstlich wirken, aber echt sind. Kurz vor Sonnenauf- und -untergang sind die Landschaften dort tatsächlich in die intensiven, an Technicolorfilme erinnernden Farben getaucht, die man auf den Fotos sieht. Als einzige künstliche Lichtquelle benutzt sie manchmal die Scheinwerfer ihres Autos. Auch Nachbearbeitung mit dem Computer kommt bei ihr nicht in Frage, da sie die Essenz der Fotografie zerstöre. Wenn Hazekamp eine Montage aus zwei Fotos macht, bleibt der Schnitt deutlich sichtbar. Neben der Landschaft entdeckte Risk in Spanien auch noch ein neues Thema für ihre Arbeit: Toreros. Fasziniert von den Supermachos in Spitzenjäckchen, machte sie eine Serie, die die Welt der Toreros zeigt, von der Vorbereitung auf den Stierkampf bis hin zum blutverschmierten Abgang aus der Arena. "Da steckt ganz viel homoerotische Spannung drin", sagt sie schmunzelnd. Oft sind die Toreros nur von hinten zu sehen, so dass der aufwändig blumenbestickte Rücken ihrer Jacken zum Mittelpunkt des Bildes wird. Dennoch blieben die Torero-Fotografien bisher eine Ausnahme im Werk der Künstlerin. Ihr Hauptthema ist die Suche nach sich selbst, nach ihrer Identität außerhalb strikt abgegrenzter Kategorien. Und immer wieder taucht James Dean auf. "Ich habe letztens ein paar alte Notizbücher von mir gefunden, aus der Zeit als ich etwa 13 Jahre alt war. Sie waren über und über mit Bildchen von James Dean vollgeklebt. Offenbar fand ich ihn damals schon interessant." Heutzutage fasziniert sie vor allem, wie die Gesellschaft einen Jungen von knapp über 20 Jahren zum Machosymbol stilisieren konnte. "Er war so jung, er wusste doch selbst noch nicht mal, wer er war." In der nächsten Zeit will Risk Hazekamp erst einmal in Rotterdam darüber nachdenken, in welche Richtung ihre Arbeit nun gehen soll. Sie würde gerne einmal in einer Stadt arbeiten, vielleicht in Berlin. Stillstehen und selbstreferenziell werden will sie auf keinen Fall. Denn dann endet man automatisch in einer Schublade, und dass sie dagegen einen ausgeprägten Widerwillen hat, beweisen ihre Fotografien nur zu deutlich. Anneke Bokern, Freie Journalistin, August 2003 |